Kolumne: Über die deutsche Bloggerszene

Etwas, das man nach der Fashion Week so zuverlässig auf Blogs und Online-Magazinen findet wie Outfit-Posts vor dem Zelt, ist Gemecker. Gemecker über Blogger, über deutsche Mode, die international niemals mithalten können wird, über Z-Prominenz in der Front-Row und dass die deutsche Fashion-Szene ohnehin zu nichts taugt. Masha holte zum Rundumschlag aus, dieses Mal gegen Blogger, die sich an der Zahl ihrer Instagram-Follower aufgeilen, und bei Angela erfahren wir in einem ihrer so lesenswerten Sonntagsposts, dass heute ohnehin jeder seine Zahlen fakt.
Wirft irgendwie ein schlechtes Licht auf die Bloggerszene? Ja, möglicherweise.

Trotzdem ist Bloggen irgendwie das neue Modeln oder Schauspielern geworden. Kleine 12-jährige Mädchen träumen nicht mehr davon, untergewichtig über die Laufstege dieser Welt zu stolzieren, sondern daneben in der Front Row zu sitzen und Selfies zu schießen, um sie dann mit ihren 100k Followern auf Instagram zu teilen. Modeblogger ist der neue Traumjob. Aber genauso wie Models nichts essen dürfen, dürfen Blogger offensichtlich kein Gewissen haben, um wirklich mithalten zu können.
Dass es in einer Szene, die hauptsächlich aus jungen, gutaussehenden Frauen mit genügend Selbstbewusstsein besteht, keinen Zickenkrieg und nur Friede-Freude-Eierkuchen-Selfies gibt, glaubt heute eh fast niemand mehr. Da helfen auch gegenseitige Liebesbekundungen auf Instagram nichts, die Wahrheit sieht ganz anders aus. Dass man sich gegenseitig versucht auszustechen, um die tollen Jobs von Supermarktketten oder Waschmittelherstellern zu ergattern, kann ich zwar nicht nachvollziehen, aber auch das gibt es.

Würde ich also heute nicht diesen Blog schreiben, würde ich vermutlich einen eröffnen, um mich in sarkastisch distanzierter Art über diese Szene lustig zu machen. Fakt ist: Ich gehöre dazu und es macht mir viel zu viel Spaß, um jetzt ausfzuhören. Nein, nicht der Zickenkrieg, die falschen Freundinnen, der Druck immer höhere Reichweiten erfinden zu müssen. Das Beste ist für mich, dass ich nicht meinen Lebensunterhalt mit dem Bloggen bestreiten muss. Dass ich überhaupt nicht in die Bredouille zwischen Ehrlichkeit und Erfolg komme – denn das hier ist nicht mein Job.
Das ist mir gestern klar geworden, als ich alle diese Blogposts gelesen habe. Ich mag das Bloggen genau für das, was es eigentlich ausmacht: Die Mode, die Chancen, die es mir eröffnet, auf der Fashion Week dabei zu sein, und die Versuche der anderen Blogger zu beobachten, sich in die Front Row zu schmuggeln, ja, auch die Events und die schön gepackten Goodie Bags, und hin und wieder doch auf tolle Menschen zu treffen.

Ich hoffe, dass ich in nächster Zeit wieder ohne den Druck von Follower-Zahlen bloggen kann, denn auch ich habe ihn gespürt und besonders auf der Fashion Week, wo du alle fünf Minuten auf deine Reichweite angesprochen wirst, wurde es besonders deutlich. Das Negativ-Highlight der Woche: Auf einem Event von allen Beteiligten konsequent ignoriert zu werden – weil 500 Follower einfach nicht genug sind, um beachtet zu werden. Aber wisst ihr was? Es ist mir egal.
Ich setze mich jetzt erstmal, nach dem ganzen Genörgel, an den nächsten Post. Ich will euch nämlich auch meine modischen(!) Highlights aus Berlin auf keinen Fall vorenthalten. Darum geht es doch eigentlich. Oder?

PS: Das ganze Outfit gibt es morgen!

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