Kolumne: Über Schubladen, Informatik und schöne Schuhe

Irgendwann ist es soweit: Der Tag, an dem du dich mit hundert anderen Menschen triffst, von denen du mindestens die Hälfte schon vergessen hast. Es ist die berühmt-berüchtigte Klassentreffen-Situation: Erst staunen alle gemeinsam darüber, dass es tatsächlich schon so lange her ist, das mit dem Abi und der Schule – und dann geht die Fragestunde los. „Und, was machst du so?“, fragt mich die große blonde Maria, mit der ich in der Schule kaum ein Wort gewechselt habe, aber ich glaube, wir saßen in der zehnten Klasse in Chemie nebeneinander. „Ich studiere – Informatik.“ Da werden ihre Augen groß und sie stutzt.
Möglichst unauffällig lässt sie einen kurzen Blick über mein Outfit – meine neue Palazzo Hose von Zara, weißes Neckholdertop und die süßesten silbernen Sandalen, die ich jedenfalls je gesehen habe – schweifen, und kommt dann offensichtlich zu dem Schluss, dass das einfach nicht sein kann. „Ach so, aber warst du nicht immer so gut in Deutsch?“

Auf Klassentreffen schlüpfst du wieder in deine alte Rolle – ganz egal, was in den Jahren, die zwischen dem letzten Blick auf das Schulgebäude und dem heutigen Tag liegen, passiert ist. Da bin ich wieder das kleine, schüchterne Mädchen, das die besten Deutsch-Aufsätze schreibt, nicht mehr und nicht weniger. Trotzdem gibt es diese Reaktion nicht nur hier, wo lauter Leute versammelt sind, die ich acht Jahre lang fast jeden Tag gesehen habe – auch Menschen, die mich nicht kennen, lasse ich mit meiner Antwort überrascht zurück.
Warum eigentlich? Natürlich spielen Klischees eine Rolle. Informatiker sind Nerds, mit übergroßen Brillen mit dicken Gläsern, hässlichen Strickpullundern und verfilzten Haaren. Ihre einzigen Freunde sind Siri und dieser Typ, der immer in der ersten Reihe sitzt und nur auf seinen Computer einhackt. Vor allem aber sind Informatiker keine Frauen, und wenn dann tragen sie die gleiche dicke Hornbrille und einen hässlichen Cordrock – und auf keinen Fall jemals silberne Sandalen von Aquazzurra.

Trotzdem liebe ich dieses Gefühl. Ich liebe es, verwunderte Blicke zu kassieren, wenn ich von meinem Studium erzähle und im gleichen Atemzug von der Fashion Week in Paris. Wenn ich in der Software-Übung mein pinkes Notebook aufklappe und der Code, den ich schreibe, trotzdem einwandfrei kompiliert. Ich bin stolz darauf, nicht nur ein richtiges Mädchen mit einem Hang für zu teure Taschen und Kleider zu sein, sondern hin und wieder auch ein Nerd, dem funktionale Programmierung genauso viel Spaß macht wie Blogposts schreiben.
Vor allem aber bin ich stolz darauf, meine Komfortzone jeden Tag zu verlassen. Ja, natürlich war ich gut in Deutsch, habe sowohl mein Latein- als auch das Englisch-Abitur mit Bravour abgeschlossen, und Mathe finde ich heute noch immer ganz furchtbar. Ich habe das Studium begonnen, das wohl alle von mir erwartet haben: Germanistik. Und es hat mir nicht gereicht. Ich wollte mehr sein als das Sprachenmädchen, allein für diese Schublade bin ich viel zu ehrgeizig. Ich brauche Herausforderungen – und die gibt es nur außerhalb von comfort zones.

Ich passe nicht in eine einzige Schublade: Ich bin Bloggerin, Modemädchen, Computerfreak, ich habe mich durch drei Semester Mathe gekämpft und gewonnen, ich schreibe gerne Kolumnen und Texte über die richtige Kombination von Gladiator-Sandalen, aber auch Programmcode, ich habe mein eigenes Jump ’n‘ Run Spiel entwickelt und auch, wenn das jeder „richtige“ Nerd im Schlaf macht, bin ich stolz darauf.
Das Leben funktioniert über solche Schubladen – und auch ich stecke Menschen manchmal hinein, weil es einfach ist. Trotzdem gibt es für mich nichts besseres, als aus Erwartungen auszubrechen. Das Unerwartete zu tun, Menschen zu überraschen und auch mal anzuecken. Sich immer wieder selbst herauszufordern und zu erkennen, dass wir alle viel mehr sind, als die meisten und wir selbst von uns denken. Think out of the box.

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